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Leseproben

 

Leseproben

 

 

Aus: sage und schreibe

Anthologie zum 30jährigen Bestehen der SchreibWerkstatt Gummersbach (Norderstedt: Books on Demand, 2010)

 

Angelika van Kerkom-Selbach: "Prost Moltiet"

 

En Jettling sunnt seck still im Chaaren

opp Fauer mutt hä lange waaren,

bis et demm kleinen Schliek jefällt

hei kiekt verwungert in de Welt.

Denn Vogel hätt hä öwwerseihn,

dei frätt en opp, nä watt jemein!

 

 

Brigitte Troeger: Ich will nichts mehr hören und sehen!

 

Eines Tages war es soweit: ich hatte den Niltal-Koller. Jeder Europäer bekommt ihn früher oder später. Es steckt tief in uns Europäern, dass wir hin und wieder die Ruhe brauchen, um zu uns selber zu finden, ganz im Gegensatz zu den Leuten im Niltal: sie brauchen den Menschenpulk wie die Luft zum Atmen.

Als ich das laute, quirlige Leben nicht mehr aushielt, entdeckten wir die Wüste. Sie war doch zum Anfassen nahe! Die große Sanddüne lockt schon am frühen Morgen mit goldenen Farben. Seit langem hatten wir uns vorgenommen, sie zu besteigen, aber nun wollten wir mehr: nichts mehr hören und sehen vom romantischen Niltal, nur alleine sein.

Ein paar Schritte hinter dem Kamm der Düne verloren wir tatsächlich den Blickkontakt zum Tal, und auch die Geräusche erreichten uns nicht mehr. Vor uns lag der größte Sand­kasten der Welt. Die Kinder warfen vor Freude die Arme hoch, als wollten sie davonfliegen. Wir atmeten die reine Wüstenluft in tiefen Zügen ein. Über uns strahlte der azur­blaue Himmel, ein Raubvogel kreiste lautlos in der Luft und spähte nach Beute aus: einer Maus? Einem Skorpion? Einer Schlange

Wir legten uns in den warmen, weichen Sand und schlossen die Augen, spürten die Wärme der Nachmittagssonne und den lauen Wind auf der Haut.

(...)

 

Aus: Jahrhunderte Leben - Geschichten aus der Geschichte.

Anthologie zur 900-Jahr-Feier der Stadt Gummersbach (Norderstedt: Books on Demand, 2009)

 

Uta Lösken: Grubenschicksal

 

"Gertraud, Gertraud!"

Winkend kam eine junge Frau den Hang vom Hof herunter gelaufen ans Ufer des Sessmarbaches.

Gertraud stand mit geschürztem Rock im fließenden Wasser und spülte Wäsche. Der Weidenkorb im Gras war schon halb gefüllt mit Hemden und Hosen, mit Schürzen und Leintüchern. Sie richtete sich auf und drückte die Hände in den schmerzenden Rücken.

"Was ist, Evchen, dass du so schreist, als solltest du geschlachtet werden?", fragte sie und stieg ans Ufer.

"Ein Unglück ist geschehen", japste das Mädchen, als es die Frau erreichte. "Ein Unglück in der Grube auf der Ahe."

Gertraud erbleichte.

"In der Grube?", flüsterte sie. "In der Grube, wo Clas als Bergjunge ist?"

Evchen nickte stumm.

"Ist er ... ist er tot?"

Gertraud starrte die andere mit weiten Augen an.

"Sag schon, ist er tot?"

Evchen zuckte mit den Schultern.

"Ich weiß nichts Genaues. Der Peter hat die Nachricht gebracht. Er reitet von Hof zu Hof, um Hilfe zu holen. Ich hab's nur aufgeschnappt, da bin ich gleich losgelaufen zu dir."

Gertraud raffte die Wäsche zusammen, die noch auf dem Gras lag, warf sie in den Korb und bedeutete Evchen anzupacken.

"Zum Hof. Und dann zur Grube."

(...)

 

 

Monica Buchfeld: Alle Worte der Welt

 

Was sie geweckt hat, vermag sie später nicht zu sagen. Plötzlich ist sie wach. Hell wach. Nachdem sie sich eine zeitlang auf ihrem Strohsack hin und her gewälzt hat, steht sie seufzend auf, steigt so leise es geht die knarrenden Treppenstufen hinab und setzt sich in der Küche an den noch warmen Herd.

Wenn die vielen schlaflosen Nächte der letzten Monate sie eines gelehrt haben, dann die Erkenntnis, dass alles Grübeln ihre momentane Situation nicht ändern wird.

Angefangen hatte das ganze Elend im Januar 1812 mit der Anordnung Napoleons, eine weitere Aushebung des Geburtsjahrganges 1792 durchzuführen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihr Christian noch verschont geblieben - schließlich gehörte er zu den freien Bauern im Kanton Gummersbach - aber auf einmal galten die bisherigen Sondergenehmigungen nichts mehr. Und um ihn vom Militärdienst freizukaufen oder einen Stellvertreter zu bezahlen, dafür reichte das wenige Geld beim besten Willen nicht. Die hohen Grundsteuern und die Sondersteuern - vor allem auf Salz und Tabak - hatten ihre wenigen Ersparnisse bis zur Neige aufgefressen. Auch die Eingabe der verwitweten Schwiegermutter hatte nichts genutzt .

Alle Bestimmungen der Vorjahre waren mit einem Mal Null und Nichtig und Christian musste sich bereits im darauf folgenden März bei seiner Garnison in Hamm melden. Mitte Juni war er dann zusammen mit 5000 Mann aus dem Großherzogtum Berg Richtung Preußen aufgebrochen. Nur ein paar Tage später erfolgte die Kriegserklärung an Russland. Seitdem hat Anna nichts mehr von ihrem Mann gehört.

(...)